Rede von Christoph Tannert

18. Februar 2009

Rede von Christoph Tannert zur Ausstellungseröffnung im GEHAG FORUM, Berlin, 18.02.09

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber Begegnungen mit der zeitgenössischen Kunst, wo man von einer Arbeit überrascht war und in relativem Einverständnis gesagt hätte: Das ist schön, das hat mich berührt, das hat mir gefallen und mich weiter beschäftigt, werden zunehmend seltener.

In dieser Ausstellung, so kühl und modern sie auch auf den ersten Blick aussehen mag, fand ich Schönheit und Eleganz des Denkens und Formens – und verweilte gern.

Schauen Sie hinter mir: die Objekte von Matthias Pabsch – diese Stringenz im Ästhetischen, in der Wahl der Materialien und der handwerklichen Verarbeitung, diese Maßgelungenheit in der Form, dieses Styling.

Schon in der Art der Sockelerarbeitung beginnt das Kunstwerk. Pabsch sieht den Sockel als skulpturales Element. Jedes Objekt hat seinen eigenen Sockel. Dieser ist alltagszugewandt gearbeitet in der Verwendung von rohen und weiß lackierten MDF-Platten. Durch das weiß Abgesetzte entsteht ein Rhythmus, der die Objekte wellenhaft verbindet.

Die Objekte, die Matthias Pabsch zeigt, entstanden zwischen 1999 und 2008, tragen hauptsächlich keine Titel, aber es fällt dem Betrachter leicht, sie assoziativ als atmosphärische Kraftwerke zu verstehen, die Blickverbindungen zum Architektonischen und Urbanen aufnehmen und mit Wohnumwelt, Industriebau oder Design einen fruchtbaren Energieaustausch halten.

Schon die Wahl der Materialien ist aufschlussreich.

Wenden wir uns konkret den Objekten zu:

Das hinten links stehende Objekt entstand unter Verwendung von geschnittenen Styropor- und Perimeter-Dämmplatten. Es wirkt wie eine Realitätsuntersuchung im Bereich von Architektur und Städtebau, wie eine Erklärungsgröße. Grundsätzlich versteht Pabsch seine Objekte auch als Modelle bzw. modellhafte urbane Einheiten – allerdings nicht für zu Bauendes, sondern als freie Kreation für den Freiflug von Gedanken mit Anklängen an bestehende Architekturen, konkret: der 60er Jahre, eine Zeit, die er durch adäquate Materialwahl und Farbigkeit auferstehen lässt.

In unseren Städten sind wir wesentlich durch die 60er-Jahre-Nachkriegsmoderne in West- als auch Osteuropa geprägt. Aber heute, in den Zeiten hypertropher Architektenträume und weltumspannender Glasarchitekturen gelten die 60er-Jahre-Entwürfe als kleinbürgerlicher Bauhaus-Verschnitt. Diese Architektur wird häufig als hässlich empfunden und problemlos zum Abriss verurteilt. Wir assoziieren mit dieser Architektur kompakte Großstadtarchitekturen, Siedlungsbänder, Innenstadtverdichtung und Beton-Brutalismus. Eine ganze Epoche droht aus dem kulturellen Gedächtnis zu verschwinden, weil wir sie ignorieren. Man muss die Schönheit dieser Strukturen und Materialien sehen wollen, ihren Traditionsbezug, ihre Neuansätze, ihre Einheit und ihre Reibeflächen mit Musik und Mode, dann sieht man auch, was Pabsch für anschauens- und bedenkenswert hält. Ich sehe seine Modelle als Hommagen an die 60er Jahre - wegen ihrer Oberflächenbeschaffenheit, Materialwahl, den Durchbrüchen und abgerundeten Ecken. Es sind Inwertsetzungen von Formen, ja von Architekturästhetik, eine Neusicht des Prinzips der Stapelung, ein fröhlicher Gruß an Glasbausteine und Waschbetonplatten (geschichtet, nicht verklebt!).

Diverse Objekte aus dem Jahr 2003 bestehen aus braunen Planbord-Platten, die im Kfz-Bau Verwendung finden. Dazu kommen Plexiglas, Alu-Profile und Stahlnieten und zuweilen ein gefundenes, industriell gefertigtes Teil wie eine Lüftungs- oder Abfluß-Abdreckung. Hier schwingen sie mit, die Architektur-Utopien, die im Transfer zwischen Technik, Kunst, Pop und Architektur ein vielfältiges Repertoire an Konzeptionen hervorbrachten: Kontrastreich, leicht, filigran, luftig und farblich pointiert, eine sich vom verschnarchten Diktum der „Qualitätsarchitektur“ freimachende elementare Baukörpergliederung mit lebendigen Innen-Außenübergängen, einsehbar, ergonomisch, ebenso retro wie progressiv.

Bei Matthias Pabsch schlagen aber mehrere Herzen in einer Brust.

Im hinteren Teil des Raumes zeigt er einen, an den Frühtagen der Fotografie orientierte Lambda Print auf Alu-Dibond von 2009, der auf die fotografische „Schattenschrift“ (die Skiagraphie) von Henry Fox Talbot und seine Erfindung des Negativbildes verweist. Eine in ihrer weichen Licht-/Schatten-Modulation berückende Arbeit.

Damit ist auch der Bogen vorgegeben, der sich dann zu den Werken der Malerei von Matthias Pabsch bildet – im Mittelflügel des 2. Stocks.

Dort sind acht Bilder aus dem Jahr 2007 zu sehen, die aus Farbe, Strukturen und Mustern leben, die in partiellen Schärfe-/Unschärfe-Relationen Fotografisches aufnehmen und im Bezug zu Pabschs Objekten die frühe Technikeuphorie und Aufbruchstimmung der 60er. Bildelemente zitieren die Möglichkeitsebene des technisch reproduzierten Bildes und spülen das Gestern ins Morgen. Die Malhaut, mal gestrichen, stellenweise durch musterhafte Abdrücke vakuolisch pointiert, gleicht einem gesampelten Feld, in dem alles möglich erscheint – von unbearbeiteter, grober Leinwandtextur bis zum barocken Erinnerungsschlick fetten Farbauftrags von einem der findet, weil er nicht gesucht hat.